Erste Hilfe

Stichwunde & Tourniquet

Notruf 144. Bei Bewusstlosigkeit, Atemstillstand oder lebensbedrohlicher Blutung sofort die Sanitätsnotrufzentrale alarmieren und deren Anweisungen folgen.

Hilf bei einer Stichwunde nur, wenn es für dich sicher ist, und alarmiere die Sanität unter 144. Lass einen steckenden Gegenstand in der Wunde. Drücke fest und ohne Unterbruch auf die blutende Stelle. Hört eine lebensbedrohliche Blutung an Arm oder Bein trotz Druck nicht auf, leg ein Tourniquet an, falls du eines hast und geübt bist. Halte die Person warm.

Eine Stichwunde ist eine Verletzung durch einen spitzen Gegenstand, der in den Körper eindringt – etwa ein Messer, eine Glasscherbe, ein Metallteil oder ein Werkzeug. Die Hautwunde kann klein sein, obwohl darunter Organe oder grosse Gefässe verletzt sind; eine innere Blutung kann sich erst durch Schockzeichen zeigen. Drei Situationen verlangen eigenes Vorgehen: eine starke Blutung an Arm oder Bein, bei der ein Tourniquet Leben retten kann, Stiche an Hals, Achsel, Leiste und Rumpf, wo es nicht hilft, und die Stichwunde im Brustkorb.

Erste Hilfe bei einer Stichwunde

  1. Zuerst auf die eigene Sicherheit achten: Bei Gewalt nicht eingreifen, Abstand halten und erst helfen, wenn es sicher ist.
  2. Notruf 144 (Sanität) wählen oder wählen lassen und sagen, dass es eine Stichverletzung ist. Ist eine Gewalttat im Spiel, zusätzlich die Polizei über 117 alarmieren.
  3. Einen Gegenstand, der in der Wunde steckt, nicht herausziehen.
  4. Mit der Hand, einer Kompresse oder einem sauberen Stück Stoff fest und direkt auf die blutende Stelle drücken – ohne Unterbruch und ohne zwischendurch nachzuschauen, bis der Rettungsdienst übernimmt.
  5. Kleidung öffnen und den ganzen Körper nach weiteren Wunden absuchen, auch Rücken und Achseln.
  6. An Arm oder Bein: Hört eine lebensbedrohliche Blutung trotz festem Druck nicht auf, ein Tourniquet anlegen – sofern eines vorhanden ist und du damit geübt hast.
  7. An Leiste, Achsel oder Hals: Blutet eine tiefe Wunde stark, eine Kompresse oder sauberen Stoff in die Wunde hineindrücken und dann fest darauf drücken.
  8. Am Brustkorb: Die Wunde nicht luftdicht verschliessen – keine Folie, kein Plastik, nichts rundherum festkleben. Blutet sie, andrücken, ohne sie rundherum abzudichten.
  9. Die Person flach auf den Rücken legen und die Beine nicht hochlagern; wer nach einem Stich in den Brustkorb wach ist und schlecht Luft bekommt, darf die Haltung wählen, in der das Atmen am leichtesten fällt.
  10. Zudecken, auch von unten vor Kälte schützen, beruhigen und nichts zu essen oder zu trinken geben.
  11. Bei der Person bleiben und Atmung sowie Bewusstsein beobachten. Reagiert sie nicht mehr und atmet nicht normal, mit der Wiederbelebung beginnen und den Anweisungen der Notrufzentrale folgen.

Warum du einen steckenden Gegenstand in der Wunde lässt

Ein Gegenstand, der in einer Stichwunde steckt, kann die Wunde von innen verschliessen und so die Blutung bremsen. Wird er herausgezogen, kann es stark zu bluten beginnen. Fachleute raten deshalb übereinstimmend, ihn in der Wunde zu lassen und nur zu stabilisieren.

Die Empfehlung beruht nicht auf Studien, sondern auf dem Konsens von Fachleuten, unter anderem in der internationalen Erste-Hilfe-Leitlinie des Roten Kreuzes (IFRC 2025).

  1. Rund um den Gegenstand polstern, zum Beispiel mit gerollten Kompressen oder Stoff, damit er sich nicht bewegt
  2. Den Druck gegen die Blutung rund um den Gegenstand geben, auf das Polster
  3. Bewegt sich ein Gegenstand im Brustkorb im Takt des Herzschlags, ihn nur locker stabilisieren und nicht festbinden

Warnzeichen: wann eine Stichwunde lebensgefährlich ist

  1. Blut fliesst schnell oder spritzt aus der Wunde
  2. Am Boden bildet sich eine Blutlache
  3. Die Blutung hört trotz festem Druck nicht auf
  4. Schockzeichen: blasse, kühle oder feuchte Haut, sehr schneller Puls, Schwindel oder Verwirrtheit
  5. Zunehmende Schläfrigkeit bis zur Bewusstlosigkeit
  6. Atemnot, schmerzhaftes Atmen, Blut husten oder blaue Lippen – Zeichen einer Verletzung im Brustkorb
Achtung: Eine innere Blutung ist von aussen nicht zu sehen und kann sich erst durch Schockzeichen zeigen. Verbluten kann innerhalb weniger Minuten geschehen – bei jeder Stichwunde an Brust, Rücken oder Bauch deshalb sofort 144 alarmieren.

Stichwunde im Bauch

Eine Stichwunde im Bauch kann innere Organe und grosse Gefässe verletzen. Eine Blutung im Bauch lässt sich von aussen nicht stillen und muss im Spital versorgt werden – schnell 144 alarmieren ist deshalb die wichtigste Hilfe.

Auch diese Massnahmen beruhen auf dem Konsens von Fachleuten; Studien dazu gibt es nicht.

  1. Eine äussere Blutung mit Druck auf die Wunde stillen
  2. Austretende Eingeweide nicht in den Bauch zurückschieben
  3. Sie mit einem sauberen, feuchten Tuch oder einer feuchten Kompresse abdecken
  4. Der Person helfen, sich hinzulegen und die Knie anzuwinkeln – das entspannt den Bauch
  5. Nichts zu essen oder zu trinken geben – möglicherweise ist eine Operation mit Narkose nötig

Was ist ein Tourniquet?

Ein Tourniquet ist ein breites Band mit einem Drehknebel oder einem anderen Spannverschluss, das an Arm oder Bein oberhalb einer Wunde so fest zugezogen wird, dass kein Blut mehr zur Wunde fliesst. Der Name kommt vom französischen «tourner» (drehen); Friedrich von Esmarch nannte es 1882 in seinem Leitfaden für Samariter auch «Aderpresse».

Ein Tourniquet ist für eine lebensbedrohliche Blutung an Arm oder Bein gedacht – nicht für kleine Blutungen und nie für Hals, Achsel, Leiste, Brust oder Bauch, weil es dort nicht anwendbar ist.

Gekaufte Tourniquets mit Knebel lassen sich einfacher anlegen und stoppen den Blutfluss zuverlässiger als improvisierte; dass ein bestimmtes Modell besser ist als die anderen, ist nicht belegt.

Die Belege sind schwach: Es gibt nur Beobachtungsstudien mit sehr geringer Aussagekraft, und eine Metaanalyse von 2025 fand keinen statistisch gesicherten Überlebensvorteil. Trotzdem sehen die grossen Erste-Hilfe-Leitlinien – die europäische (ERC 2025), die des Roten Kreuzes (IFRC 2025) und die amerikanische (AHA/Rotes Kreuz 2024) – das Tourniquet bei lebensbedrohlicher Blutung an Arm oder Bein vor, wenn fester Druck sie nicht stoppt.

Wie kam es zum Tourniquet? Eine kurze Geschichte

Eine Blutung an Arm oder Bein durch Abschnüren zu stoppen, ist eine alte Idee. Bei der Belagerung von Besançon 1674 soll ein französischer Feldchirurg eine Blutung mit einem Band gestoppt haben, das mit einem Stock festgedreht wurde – das Prinzip des heutigen Knebels. 1718 stellte der französische Chirurg Jean-Louis Petit der Akademie der Wissenschaften in Paris ein Schraubentourniquet vor.

Friedrich von Esmarch führte 1873 die «künstliche Blutleere» für Operationen ein. 1882 beschrieb er in seinem Leitfaden für Samariter-Schulen ein Knebeltourniquet für Laien: ein Tuch, unter das ein Knebel geschoben und gedreht wird, «bis die Blutung steht».

Im 20. Jahrhundert geriet das Tourniquet in Verruf: Es wurde oft falsch angelegt und blieb bei langen Transportwegen stundenlang liegen. Die frühere Anweisung, es regelmässig zu lockern, wurde im Zweiten Weltkrieg aufgegeben, weil Verletzte dabei nach und nach Blut verloren; seither gilt, dass nur medizinisches Fachpersonal es abnimmt. Lange galt es als letztes Mittel.

Auswertungen aus dem Irakkrieg, veröffentlicht 2008 und 2009, sprachen dafür, dass früh angelegte Tourniquets Leben retten: Verletzte, die vor einem Schock ein Tourniquet erhielten, überlebten viel häufiger, und kein Arm oder Bein ging allein wegen des Tourniquets verloren. Die zivile Lehre folgte: 2013 legte der Hartford Consensus in den USA die Grundlage dafür, dass auch Laien lebensbedrohliche Blutungen stoppen, und am 6. Oktober 2015 startete das Weisse Haus die Kampagne «Stop the Bleed». Heute empfiehlt die europäische Erste-Hilfe-Leitlinie ERC 2025 das Tourniquet ausdrücklich auch Ersthelfenden – bei lebensbedrohlicher Blutung an Arm oder Bein, die mit Druck nicht aufhört.

Tourniquet anlegen: Schritt für Schritt

Ein Tourniquet gehört an Arm oder Bein, wenn eine lebensbedrohliche Blutung mit festem Druck nicht aufhört, wenn Druck nicht möglich oder nicht durchzuhalten ist – etwa weil du allein mehrere Verletzte versorgst oder die Person aus einer Gefahr bringen musst – oder wenn ein Arm oder Bein oberhalb von Hand- oder Fussgelenk ganz oder teilweise abgetrennt ist. Nutze es nur, wenn du damit geübt hast.

  1. Die verletzte Person vorwarnen: Das Anlegen tut weh – der Schmerz ist kein Zeichen für einen Fehler.
  2. Das Tourniquet 5⁠–⁠7 cm oberhalb der Wunde (auf der Seite zum Herzen hin) um Arm oder Bein legen, nicht auf ein Gelenk.
  3. Möglichst direkt auf die Haut legen; geht das nicht schnell, auch über dünner Kleidung – nicht über Taschen mit Gegenständen.
  4. Das Band straff zuziehen und festmachen.
  5. Den Knebel drehen, bis die Blutung aufhört.
  6. Den Knebel in seiner Halterung sichern, damit er sich nicht zurückdreht.
  7. Die Uhrzeit auf das Tourniquet schreiben.
  8. Das Tourniquet sichtbar lassen und angelegt lassen, bis der Rettungsdienst übernimmt – nicht lockern, nicht abnehmen.
  9. Blutet es weiter: den Knebel nachdrehen. Reicht das nicht, ein zweites Tourniquet direkt oberhalb des ersten anlegen.
  10. Dem Rettungsdienst die Uhrzeit des Anlegens mitteilen.

Tourniquet: Grenzen und häufige Fehler

  1. Nur an Arm oder Bein – nie an Hals, Achsel, Leiste, Brust oder Bauch
  2. Nicht bei kleinen Blutungen, die mit Druck aufhören
  3. Häufigster Fehler in einer Studie: zu wenig fest angezogen. Ein improvisiertes Band, das den Blutfluss nicht ganz stoppt, kann die Blutung sogar verstärken
  4. Nicht auf ein Gelenk wie Ellbogen oder Knie setzen
  5. Nicht zwischendurch lockern – das kostet zusätzlich Blut
  6. Uhrzeit nicht vergessen und das Tourniquet nicht mit Kleidung oder Decke zudecken
  7. Ein Venen-Stauschlauch, eine Schnur, ein Draht oder ein Kabelbinder sind als Tourniquet ungeeignet
  8. Kinder: Gekaufte Knebel-Tourniquets lassen sich ab etwa 2 Jahren verwenden; ist ein Arm oder Bein zu dünn, fest auf die Wunde drücken
  9. Nur bei Fachhandel oder Hersteller kaufen: Fälschungen werden online häufig angeboten und können unter Last versagen
Achtung: Ohne Übung legen viele Laien ein Tourniquet nicht richtig an; mit Kurs gelingt es den meisten. Übe am besten mit dem Modell, das du selbst besitzt – das Können lässt sich nicht ohne Weiteres auf andere Modelle übertragen.

Kein Tourniquet zur Hand: weiter drücken, improvisieren nur im Notfall

Ohne Tourniquet ist die wichtigste Massnahme: weiter fest auf die Wunde drücken; bei einer tiefen Wunde Stoff hineindrücken und fest darauf drücken.

Ein improvisiertes Tourniquet ist nur eine Notlösung. In Modellversuchen stoppten improvisierte Bänder den Blutfluss deutlich seltener als gekaufte Tourniquets, und ohne Knebel versagten sie in einer Studie in 79 von 80 Tests. Ob ein gewöhnlicher Hosengürtel funktioniert, ist nicht belegt. Die europäische Leitlinie von 2021 sah das Improvisieren nur für Helfende vor, die es geübt haben.

  1. Nur wenn fester Druck eine lebensbedrohliche Blutung an Arm oder Bein nicht stoppt und kein Tourniquet da ist: ein breites Tuch nehmen, mindestens etwa 5 cm breit
  2. Es 5⁠–⁠7 cm oberhalb der Wunde um Arm oder Bein legen, nicht auf ein Gelenk, und verknoten
  3. Einen festen Stab als Knebel darunterschieben und drehen, bis die Blutung aufhört
  4. Den Stab sichern, damit er sich nicht zurückdreht, und die Uhrzeit notieren

Wo hilft was? Tourniquet, Druck oder Wunde offen lassen

Ob ein Tourniquet hilft, hängt davon ab, wo die Stichwunde liegt. Fester Druck auf die blutende Stelle ist überall die erste Massnahme.

Stichwunde: Sofortmassnahme nach Körperregion
Körperregion Sofortmassnahme Tourniquet? Warum
Arm oder Bein Fest drücken; hört eine lebensbedrohliche Blutung nicht auf: Tourniquet 5⁠–⁠7 cm oberhalb der Wunde Ja, bei lebensbedrohlicher Blutung Nur an Arm oder Bein lässt sich der Blutfluss zur Wunde abschnüren
Leiste, Achsel, Hals Kompresse oder sauberen Stoff in die tiefe Wunde drücken, dann fest darauf drücken Nein Ein Tourniquet ist dort nicht anwendbar
Brustkorb und Rücken Wunde offen lassen; blutet sie, andrücken, ohne sie rundherum abzudichten Nein Luftdichtes Verschliessen kann einen lebensgefährlichen Spannungspneumothorax auslösen
Bauch Äussere Blutung andrücken; austretende Eingeweide nicht zurückschieben, feucht und sauber abdecken Nein Eine Blutung im Bauch lässt sich nur im Spital stoppen

Stichwunde im Brustkorb: so hilfst du

Eine Stichwunde im Brustkorb kann Lunge, Herz oder grosse Gefässe verletzen. Wie schwer die Verletzung ist, lässt sich von aussen nicht erkennen: Auch eine kleine Wunde, die weder blubbert noch zischt, kann lebensgefährlich sein.

  1. Sofort 144 alarmieren – jede Stichwunde in Brust oder Rücken ist ein Notfall.
  2. Den Oberkörper frei machen und den ganzen Rumpf absuchen, auch Rücken und Achseln; es können mehrere Wunden sein.
  3. Die Wunde offen lassen: nicht mit Folie, Plastik oder Klebeband verschliessen und nichts rundherum festkleben.
  4. Blutet die Wunde stark: eine Kompresse oder sauberen Stoff mit der flachen Hand andrücken, ohne die Wunde rundherum abzudichten.
  5. Einen steckenden Gegenstand nicht herausziehen und rundherum polstern; bewegt er sich mit dem Herzschlag, nur locker stabilisieren.
  6. Ist die Person wach und bekommt schlecht Luft, die Haltung wählen lassen, in der sie am besten atmet – meist sitzend oder halb sitzend.
  7. Zeigt sie Schockzeichen oder wird sie zunehmend schläfrig, sie flach auf den Rücken legen.
  8. Warm halten, beruhigen, dabeibleiben und laufend Atmung, Lippenfarbe und Bewusstsein beobachten.
  9. Wird die Atmung schlechter und liegt etwas auf der Wunde, es sofort wegnehmen und erneut 144 informieren.
  10. Reagiert die Person nicht und atmet nicht normal: mit der Wiederbelebung beginnen, einen Defibrillator (AED) holen lassen und den Anweisungen der Notrufzentrale folgen.

Stichwunde im Brustkorb: Warnzeichen

  1. Zunehmende Atemnot – das wichtigste Warnzeichen
  2. Schmerzhaftes Atmen oder Blut husten
  3. Blaue Lippen, Fingernägel oder Haut
  4. Eine Wunde, die beim Atmen blubbert oder zischt (sogenannte saugende Brustwunde)
  5. Schockzeichen: blasse, kühle oder feuchte Haut, sehr schneller Puls, Schwindel oder Verwirrtheit
  6. Zunehmende Schläfrigkeit
Achtung: Einen Spannungspneumothorax – einen lebensgefährlichen Überdruck von Luft im Brustkorb – können Laien nicht sicher erkennen und nicht behandeln; das macht der Rettungsdienst. Deine Aufgabe: nichts luftdicht verschliessen, die Atmung beobachten und bei Verschlechterung alles wegnehmen, was auf der Wunde liegt.

Offene Brustwunde: warum Laien sie offen lassen – und das Militär sie abklebt

Die europäische Erste-Hilfe-Leitlinie ERC 2025 ist eindeutig: Eine offene Brustwunde bleibt offen, damit sie frei mit der Umgebung in Verbindung steht; kein Verband, keine Abdeckung. Blutet sie, wird die Blutung mit direktem Druck gestillt. Der Grund: Ein Verband, der die Wunde versehentlich luftdicht verschliesst, kann einen lebensgefährlichen Spannungspneumothorax auslösen.

Ein spezielles Ventilpflaster (Chest Seal), das beim Ausatmen Luft entweichen lässt, sieht ERC 2025 nur für Helfende vor, die dafür ausgebildet sind und eines dabeihaben. Die amerikanische Leitlinie (AHA/Rotes Kreuz 2024) hält auch einen sauberen, trockenen, nicht abdichtenden Stoff für vertretbar – verlangt aber, ihn zu lockern oder wegzunehmen, sobald die Atmung schlechter wird. Auch ein lockerer Verband kann sich durch Blut abdichten.

Militärische Sanitätsrichtlinien (TCCC) kleben dagegen sofort ein Chest Seal auf – mit passendem Material, Ausbildung und Fachpersonal, das einen Überdruck im Brustkorb entlasten kann. Das ist Profi-Standard unter anderen Bedingungen, nicht die Lehre für Laien. Das früher gelehrte, selbst gebastelte Dreiseitenpflaster aus Folie gilt als unzuverlässig und ist für Laien nicht mehr vorgesehen.

Die Datenlage ist dünn: Aussagekräftige Studien an Verletzten gibt es zu keiner Laienmassnahme bei offener Brustwunde; die Empfehlungen stützen sich vor allem auf Tierversuche und den Konsens von Fachleuten. Die letzte Überprüfung der Evidenz durch das internationale Fachgremium ILCOR stammt von 2022.

Bewusstlos nach einem Stich: auf dem Rücken lassen

  1. Eine bewusstlose verletzte Person, die normal atmet, bleibt auf dem Rücken liegen – die europäische Leitlinie ERC 2025 sieht bei Verletzten keine Seitenlage vor
  2. Die Person nur bewegen, wenn sie am Ort in Gefahr ist
  3. Atmung ständig beobachten und den Anweisungen der Notrufzentrale folgen
  4. Atmet die bewusstlose Person nicht mehr normal: Wiederbelebung beginnen
  5. Den Hals nicht nur wegen eines Stichs ruhigstellen – bei reinen Stichverletzungen raten Leitlinien davon ab

Mythen und veraltete Lehre

  1. «Das blutende Körperteil hochhalten»: Dafür gibt es keinen Nutzenbeleg, es kann aber mehr Schmerzen oder Verletzungen verursachen
  2. «Bei Schock immer die Beine hoch»: Bei Verletzten nicht – die Leitlinien sehen das Beinhochlagern nur ohne Verletzung vor
  3. «Auf einen Abdrückpunkt drücken statt auf die Wunde»: Wird ausdrücklich nicht empfohlen; in einer Studie mit Gesunden war der Puls unterhalb der Druckstelle schon nach 20 bis 40 Sekunden wieder da
  4. «Ein Tourniquet kostet das Bein»: Bei kurzer Liegedauer nicht belegt; das Risiko steigt bei stundenlanger Liegedauer und bei unnötigem Anlegen
  5. «Ein Tourniquet regelmässig lockern»: Überholt – Lockern kostet zusätzlich Blut
  6. «Nach zwei Stunden muss das Tourniquet ab»: Keine Regel für Laien – die Zwei-Stunden-Marke stammt aus militärischen Richtlinien für ausgebildetes Personal
  7. «Ein Gürtel oder eine Schnur reicht»: Schmale Bänder wirken schlechter, und ohne Knebel versagten improvisierte Bänder in einer Studie fast immer
  8. «Eine offene Brustwunde luftdicht abkleben»: Für Laien überholt – die Wunde bleibt offen
  9. «Einen steckenden Gegenstand rasch entfernen»: Nein – er bleibt in der Wunde

Nach der Ersten Hilfe: was du dem Rettungsdienst sagst

  1. Was passiert ist und wie viele Wunden du gefunden hast
  2. Was du getan hast: Druck, Tourniquet, Gegenstand in der Wunde belassen
  3. Die Uhrzeit, zu der ein Tourniquet angelegt wurde
  4. Wie sich Atmung, Bewusstsein und Hautfarbe verändert haben

Vorbereitet sein: Notrufnummern, Kurs und Material in der Schweiz

  1. Notrufnummern: 144 Sanität, 117 Polizei, 112 europäische Notrufnummer (verbindet in der Schweiz mit der Alarmzentrale der Polizei), 1414 Rega
  2. Das Tourniquet gehört in der Schweiz ab dem Kurs «First Aid Stufe 2 IVR» zum Lernstoff (21 Stunden; Voraussetzung ist die Stufe 1 oder ein BLS-AED-Kurs zusammen mit dem Nothilfekurs); die Beschreibung des Nothilfekurses für den Führerausweis nennt es nicht
  3. Ein Tourniquet nützt nur, wenn du damit geübt hast: Die Leitlinien raten, nur Material zu verwenden, mit dem man geschult ist
  4. Einweghandschuhe schützen vor Blut; fehlen sie, die Hände mit einem Plastiksack oder Stoff abdecken – aber deswegen nicht mit dem Druck warten
  5. Das Strafgesetzbuch (Art. 128 StGB) verpflichtet, einem Menschen in unmittelbarer Lebensgefahr zu helfen, soweit es den Umständen nach zugemutet werden kann

Häufige Fragen

Soll man ein Messer aus einer Stichwunde herausziehen?

Nein. Ein Messer oder ein anderer Gegenstand, der in einer Stichwunde steckt, bleibt drin: Er kann die Wunde von innen verschliessen, und beim Herausziehen kann es stark zu bluten beginnen. Polstere rundherum, damit er sich nicht bewegt, und drücke rund um den Gegenstand auf die Wunde. Bewegt er sich im Brustkorb mit dem Herzschlag, stabilisiere ihn nur locker. Das raten Fachleute übereinstimmend; die Empfehlung beruht auf Erfahrung, nicht auf Studien.

Darfst du als Laie in der Schweiz ein Tourniquet anlegen?

Fachlich ja. Die europäische Erste-Hilfe-Leitlinie ERC 2025 empfiehlt Ersthelfenden das Tourniquet bei einer lebensbedrohlichen Blutung an Arm oder Bein, die mit festem Druck nicht aufhört. In der Schweiz gehört es ab dem Kurs «First Aid Stufe 2 IVR» zum Lernstoff. Voraussetzung ist, dass du es geübt hast. Das Strafgesetzbuch (Art. 128) verpflichtet allgemein, einem Menschen in unmittelbarer Lebensgefahr zu helfen, soweit das zumutbar ist.

Wie lange darf ein Tourniquet angelegt bleiben?

Als Laie lässt du ein Tourniquet angelegt, bis der Rettungsdienst übernimmt – du lockerst und entfernst es nie selbst. Schreib die Uhrzeit auf das Tourniquet und nenne sie bei der Übergabe. Schäden an Arm oder Bein werden vor allem nach stundenlanger Liegedauer beschrieben. Die oft genannte Zwei-Stunden-Grenze stammt aus militärischen Richtlinien für ausgebildetes Personal. Ist eine lange Rettung absehbar, etwa im Gebirge, alarmiere früh.

Wann hilft ein Tourniquet – und wann nicht?

Ein Tourniquet hilft nur an Arm oder Bein: bei einer lebensbedrohlichen Blutung, die mit festem Druck nicht aufhört, wenn Druck nicht möglich ist oder wenn ein Arm oder Bein oberhalb von Hand- oder Fussgelenk ganz oder teilweise abgetrennt ist. An Hals, Achsel, Leiste, Brust und Bauch hilft es nicht. Dort drückst du fest auf die Wunde, bei einer tiefen Wunde an Leiste, Achsel oder Hals mit Stoff in der Wunde. Bei kleinen Blutungen ist es unnötig.

Was tust du bei einer Stichwunde im Brustkorb?

Bei einer Stichwunde im Brustkorb alarmierst du sofort 144 und lässt die Wunde offen – nichts luftdicht abkleben, keine Folie. Blutet sie stark, drückst du eine Kompresse mit der flachen Hand an, ohne die Wunde rundherum abzudichten. Ein steckender Gegenstand bleibt drin. Ist die Person wach und bekommt schlecht Luft, wählt sie die Haltung selbst, meist halb sitzend. Wird die Atmung schlechter, nimm alles weg, was auf der Wunde liegt.

Kann man ein Tourniquet improvisieren, zum Beispiel mit einem Gürtel?

Nur als Notlösung. Improvisierte Bänder stoppen den Blutfluss deutlich seltener als gekaufte Tourniquets, und ohne Knebel versagten sie in einer Studie fast immer. Ob ein gewöhnlicher Hosengürtel wirkt, ist nicht belegt. Ohne Tourniquet ist die wichtigste Massnahme: weiter fest drücken. Wenn du improvisierst, dann mit einem mindestens etwa 5 cm breiten Tuch und einem festen Stab als Knebel; Schnur, Draht oder Kabelbinder sind ungeeignet.

Weiterführende Quellen

Diese Inhalte dienen der Information und ersetzen keine Erste-Hilfe-Ausbildung. Wir empfehlen einen anerkannten Nothilfe- oder BLS-AED-Kurs.